Die Ehre gebührte also nur denen, die auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Die, die die Folter überlebten, wurden als vermeintlich Geständige ins dunkle Exil der Einsamkeit und Verachtung verbannt, nicht nur von den Folterern, sondern auch von den ehemaligen Weggefährtinnen.

Es war wieder sehr unruhig in der sonst so stillen Zelle. In jeder Ecke des Raumes hatten sich Grüppchen zusammengesetzt, flüsterten sich leise ein paar Worte zu und blickten unsicher und verängstigt auf eine Frau, die zusammengekauert von einer Decke umhüllt am Boden lag. Ihre Füße waren verbunden, nur die Blutflecken zeugten von einer nächtlichen Erfahrung, die fast jede in dieser Zelle schon erlebt hatte oder noch vor sich zu haben glaubte.

Sie hatte gesucht, vergeblich hatte sie in der ersten Nacht nach irgendetwas gesucht, was die Kraft gehabt hätte, um ihre Kehle zu ersticken. Sie dachte an all die Helden, von denen erzählt wurde, bis das Blut der zerbissenen Zunge aus ihren Mundwinkeln trat.

Der Schlüsselbund warnte den nächsten Unheil an, die eiserne Tür ging auf und eine Wärterin trat ein, blickte hinter sich und sagte voller Abscheu in der Stimme „Na, jetzt komm schon rein“, ein kleines Kind kam herein auf leisen, gummiweichen Füßen, der kindlichen Neugierde beraubt traute es sich kaum hochzuschauen. „Da ist sie, deine Mutter, geh zu ihr“.

Die zusammen gekauerte Frau schreckte auf, erblickte das Kind und erkannte ihr eigenes darin. Schnell richtete sie sich auf, der zischende Schmerz ließ sie aber wieder in sich zusammenfallen und sie versuchte hilflos ihre Füße abzudecken.

Sie wusste nicht, was ihr geschah, „Komm doch“, sie packte das zögernde Kind und wollte es an sich ziehen, ließ aber ab und schaute es nur an mit lachenden Tränen. Das Kind schwieg, starrte auf den grauen Betonboden, und man glaubte sein laut schlagendes Herz zu hören, wie ein kleiner Spatz in der Falle.

„Bring ihn weg“

„Bring ihn weg, hörst du“ schrie sie in die gähnende schwarze Leere hinter der offenen Tür. Das Kind fing an zu weinen, immer mehr und mehr, es wollte gar nicht mehr aufhören, es konnte nicht aufhören.

Die grauen Körper fingen an zu beben, fast rhythmisch und wie ein Kanon stieg langsam, Stimme um Stimme, ein Geheul auf und wurde zum Chor, ein Chor aus schmerzenden Erinnerungen.

Sie konnte sich nicht erinnern, sie wollte sich nicht erinnern, sie sollten aufhören, hatte sie immer wieder geschrien, sie hätte nichts zu sagen, außer ihren Namen, den sie immer wieder herauspresste, bis die Ohnmacht ihr den letzten Schrei nahm.

Die Wärterin kam zurück und fluchte, nahm das Kind an der Hand und zerrte es wieder hinaus.

Die Tür fiel zu.

In der Stille kroch der Schmerz wieder in ihre grauen Körper zurück und ließ sie erstarren.

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